Liebe zu den Kindern und soziale Verantwortung
hundert Jahre Kindergarten St. Nikola



Kinder gehen in der Regel mit drei Jahren, zumindest aber das letzte Jahr vor der Einschulung in den Kindergarten. Dort lernen sie viel Neues, werden Selbständiger und üben das Zusammenleben mit Gleichaltrigen; das ist besonders für Einzelkinder wichtig, die sonst vielleicht zu behütet aufwachsen würden. Berufstätige Eltern wissen ihre Kinder während der Arbeitszeit in guten Händen.

Der Gedanke, Kinder früh außerhalb der Familien zu betreuen, ist nicht neu. Die drei wichtigen Aspekte Gemeinschaftserziehung, Bewahrung und altersgerechte Förderung des Wissens entwickelten sich allmählich. Nach dem 30jährigen Krieg stellte der Leiter einer böhmischen Brüdergemeinde, J.A. Comenius, die Erziehung zu friedlichem Zusammenleben heraus. Mitte des 19. Jahrhunderts richtete in Italien der Priester P.J. Nardini, ebenfalls nach einem Krieg, Betreuungsmöglichkeiten für unversorgte Kleinkinder ein. Etwa zur gleichen Zeit gründete in Deutschland F. Fröbel die ersten Kindergärten; er entwickelte altersgerechte Lernspiele zur geistigen Förderung und Spielformen, die den Gemeinschaftssinn fördern sollten. All diese Vorstellungen prägen von Anfang an die Arbeit im Kindergarten St. Nikola in Landshut.

Vor hundert Jahren lebte in der Pfarrgemeinde St. Nikola eine „hervorragende Arbeiterbevölkerung“. Viele Frauen mußten mitarbeiten, um den Familienunterhalt zu sichern. Damit deren Kinder betreut werden konnten, schlossen sich mit beispielhaftem sozialem Engagement Damen der Pfarrgemeinde in einem Verein zusammen, der die Initiative zum Bau der „Kleinkinderbewahranstalt“ ergriff, mit Hilfe einer Stiftung das Grundstück an der Feuerbachstraße („ruhig-gesunde und zentrale Lage!“) beschaffte und die Finanzierung von Einrichtung und Betriebsaufwand sowie einer Jahresmiete zusicherte. Unter diesen Bedingungen stimmte die Stadt der Einrichtung zu; sie trug die Kosten für den Bau des Hauses. Die Ausführung des Baues unter Leitung des Baumeisters Schenk entsprach damaligen Vorstellungen; die Aufenthaltsräume für die Kinder, Buben und Mädchen getrennt, waren zwei Säle von 80 bzw. 60 qm, es gab je drei Toiletten und einen gemeinsamen Waschraum, ein großzügiger Garten stand zur Verfügung, in dem allerdings nicht nur gespielt, sondern auch für die Küche Gemüse gepflanzt wurde. Der erste Stock diente als Personalwohnung; dort wohnten auch, allerdings aus hygienischen Gründen streng getrennt von den Kindergärtnerinnen, Schwestern der ambulanten Krankenpflege.

Das Gebäude wurde im September 1905 feierlich eingeweiht; die Namen großzügiger Stifter wurden auf einer Tafel „verewigt“, so z.B. der Spender des Reliefs über dem Eingang, einer Madonna oder anderer wertvoller Ausstattungsstücke. Die Betreuung der Kinder lag von Anfang an in den Händen der Mallersdorfer Schwestern. Im Vertrag wird hervorgehoben, daß mindestens eine von ihnen pädagogisch oder kindergärtnerisch vorgebildet sein sollte, so dass also von Anfang an die Kinder nicht nur bewahrt, sondern auch gefördert werden sollten.

Die Franziskanerinnen aus Mallersdorf wirkten viele Jahre zum Nutzen der Kinder in St. Nikola, bis 1937/39 die braunen Machthaber alles Religiöse aus der Kindererziehung verbannten und die Nonnen durch „braune Schwestern“ ersetzten, um schon den Kleinsten nationalsozialistisches Gedankengut einzuimpfen. Sofort nach dem zweiten Weltkrieg, am 22. Mai 1945, traten wieder Nonnen aus Mallersdorf ihren Dienst im Kindergarten an. Die Umstände waren alles andere als einfach; das Haus war fast völlig ausgeplündert. Doch tatkräftig setzte Schwester Engelberga, die langjährige Oberin des Konvents, alles daran dass der Betrieb wieder aufgenommen werden konnte. Ausgemusterte Schulbänke und Stühle waren das erste Inventar. Mangels Spielgeräten wurde erzählt und vorgelesen und damit etwas Geld für Anschaffungen zusammenkam, führte man kleine Theaterstücke auf. Nach anfänglich 49 Kindern besuchten schon um Weihnachten 140 den Kindergarten. Seit August wurde auch Essen für die Zöglinge zubereitet, für bescheidene 1,50 DM pro Woche; das war in der kargen Nachkriegszeit für die Eltern eine große Hilfe. (übrigens fuhren die Schwestern auch zum „Hamstern“ um die Kosten niedrig zu halten.) Als im folgenden Jahr auch viele Schulkinder aufgenommen wurden, stieg die Zahl der Betreuten auf 200.

Mit der Besserung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage wurde auch die Ausstattung des Hauses immer wieder verbessert. Fußböden und Heizung wurden renoviert, ebenso die Außenfassade; 1964 errichtete die Stadt eine beheizbare Allzweckhalle, so dass ein dritter großzügiger Gruppenraum zur Verfügung stand. Ein Anbau wurde 1973 erstellt, 1983 ein weiterer. Im Garten wurden Flächen geteert, ein Sandplatz und viele hölzerne Spiel- und Klettergeräte aufgestellt, im Keller eine Turnhalle eingerichtet, so dass bei jedem Wetter eine Fülle von Beschäftigungsmöglichkeiten geboten ist. Seither brauchen in dem Raum, der vorher als Schlaf und Turnraum genutzt wurde, die Mitarbeiterinnen nicht mehr täglich die Liegen auf- und abzubauen. Die Stadt Landshut sorgte dankenswerterweise immer wieder für die benötigte Ausstattung.

Doch jede Verbesserung bedeutete viel zusätzliche Organisation und „Störung“ des normalen Betriebes für die Betreuerinnen. Dabei ist die Lage im Kindergarten St. Nikola ohnehin nicht einfach. überdurchschnittlich viele Kinder stammen aus Ausländerfamilien und tun sich schwer mit der deutschen Sprache, viele leben mit nur einem Elternteil zusammen. Um hier zu helfen bietet der Kindergarte neben einer Vormittagsgruppe drei Ganztagsgruppen mit überlangen öffnungszeiten (von 6.30 bis 16.30 Uhr); das Mittagessen für die Kinder, das früher von einer Schwester zubereitet wurde, wird jetzt von der Küche der Caritas täglich frisch geliefert.

Einen Einschnitt bedeutete es, als im Juli 1995 die Mallersdorfer Schwestern aus dem Kindergarten abgezogen wurden. Immerhin war Schwester Engelberga fünfzig Jahre in St. Nikola tätig gewesen, Schwester Ingetraut sechsunddreißig Jahre. Wegen Schwesternmangels waren schon seit Jahren zunehmend weltliche Kräfte beschäftigt. Doch das segensreiche Wirken der Schwestern wurde nicht vergessen: Nach ihrem Ausscheiden wurde der Oberin, Schwester Engelberga, die Bayerische Staatsmedaille für soziale Verdienste verliehen.

Die Leitung des Kindergartens übernahm 1995 Frau Irmgard Kindl, als diese aus familiären Gründen ausscheiden musste, trat Frau Christa Steger an ihre Stelle. Sie führt die Arbeit de Vorgängerinnen zusammen mit den weltlichen Mitarbeiterinnen hervorragend weiter. Freilich musste das Finanzierungskonzept verändert werden; nur Klosterschwestern können so zahlreiche Arbeitsstunden kostenlos leisten. Eine zusätzliche Veränderung ergab sich, als 1996 die ehemalige Schwesternwohnung umgebaut wurde: Die Schulkinder zogen in einen eigenen Bereich und eine dringend benötigte weitere Hortgruppe konnte aufgenommen werden.

So werden im Kindergarten St. Nikola seit nunmehr einhundert Jahren in fröhlicher Gemeinschaft Kinder zu gegenseitigem Verständnis und Hilfsbereitschaft erzogen, geistig gefördert und angeregt. Väter und Mütter sind froh, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind, und auch die Gesellschaft hat allen Grund dankbar zu sein für das, was hier geleistet wird. Zum Jubiläum wünschen wir, dass der Kindergarten St. Nikola auch in den nächsten hundert Jahren für viele Kinder ein Stück Heimat und Geborgenheit sein wird.

Hannelore Hofmann